Peter Ebenbauer, Graz
Mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums wurden komplexe Transformationsprozesse hinsichtlich des Stellenwertes und des Repertoires gottesdienstlicher Gesänge ausgelöst, deren Folgewirkungen noch keineswegs abgeschlossen sind. Während liturgische Normen und lehramtliche Äußerungen ungebrochen davon ausgehen, dass der Gregorianische Choral die eigentümliche und maßgebliche Basis liturgischen Singens bildet und dass jedes liturgische Musikschaffen „von demselben Geist durchdrungen [sein soll], der jenen Gesang hervorbrachte“ (Papst Johannes Paul II., 2003), sind außerhalb monastischer und kathedralkirchlicher Choralpflege die Gesänge des Graduale Romanum, des Kyriale und des Antiphonale im deutschen Sprachraum weitgehend aus der Liturgie verschwunden.
Nach einer kurzen Skizze des Stellenwertes der Gregorianik innerhalb der geltenden liturgischen Ordnung und der gottesdienstlichen Praxis konzentriert sich dieser Beitrag auf Fragen, die sich mit der Entwicklung im deutschen Sprachraum gegenwärtig stellen:
Hat der Gregorianische Choral überhaupt noch eine Zukunft in der Gemeindeliturgie? Eignet sich die Gregorianik als Bindeglied zwischen elementarer und professioneller liturgischer Feier- und Gesangskunst? Worin liegt der Sinn-Überschuss und das Inspirationspotential des Gregorianischen Chorals im Kontext muttersprachlicher Liturgie? Wie werden wir in Zukunft das Pascha-Mysterium zum Klingen bringen?