Stefan Engels, Graz

Franz Xaver Haberl und die Choralreform –

Tragik eines Lebenswerkes

Für eine 1868 von Papst Pius IX. gewünschte authentisch römische Choralbuchausgabe wählte man die Editio Medicaea von 1614/1615. Deren bearbeiteten Melodien führte man auf Palestrina zurück. Die Edition sollte eine einheitliche praxistaugliche Choralfassung für die ganze Kirche sein. Mit der Redaktion wurde der geachtete Kirchenmusiker und Musikwissenschafter Franz X. Haberl beauftragt. Die Beurteilung seiner Arbeit ist bei aller Problematik jedoch oft einseitig.

Die Mönche von Solesmes wollten auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschungen die ursprünglichen Choralmelodien einführen. Bei der polemisch geführten Diskussion wurden in der Argumentation die drei Pole Wissenschaft, Praxis und kirchliche Autorität miteinander vermengt. Außerdem beeinflussten die wirtschaftlichen Interessen des Verlages Pustet die Entwicklung.

Papst Pius X. veranlasste die Herausgabe der Editio Vaticana auf den Grundlagen von Solesmes. Damit war ein Großteil des Lebenswerkes Haberls vernichtet. Dennoch sind einige seiner Bestrebungen später auf andere Weise verwirklicht worden.