Rudolf Pacik, Salzburg

„Melodiös, lieblich, ganz leicht zu erlernen“

Pius X. und die Choralreform

Anders als viele kirchliche Würdenträger hat Giuseppe Sarto lange in der Seelsorge gewirkt. In allen seinen Pfarren leistete er auch musikalische Basisarbeit, gründete Chöre, unterwies die Gemeinden im gregorianischen Gesang. Gerade weil Sarto mit der Praxis der Kirchenmusik vertraut war, strebte er, sobald er in der Hierarchie aufgestiegen war, einschlägige Reformen an – unterstützt von seinem Freund, Berater und Ghostwriter Angelo de Santi SJ. Spätestens am Kongress von Arezzo 1882 hatte Sarto die von Solesmes ausgehende Gregorianik-Erneuerung kennen gelernt; als Papst betrieb er sie dann für den ganzen römischen Ritus. Hinsichtlich der Umsetzung war er eher Pragmatiker; darum neigte er dem Konzept Joseph Pothiers zu, der oft spätere (und leichter erreichbare) Fassungen der Melodien bevorzugte. Dass Giuseppe Sarto / Pius X. sich um die singende Teilnahme des Volkes bemühte, beruht auch auf pädagogischen Motiven. Obwohl praktisch ausgerichtet, hat er doch den Gregorianischen Choral ein wenig idealisiert – etwa was dessen Erlernbarkeit betrifft.