100 Jahre Graduale Romanum 1908–2008
Das Graduale Romanum von 1908 bedeutete
einen Meilenstein in der Geschichte der Restauration des Gregorianischen
Chorals. In seiner modifizierten Form von 1974 ist es heute nach wie vor eines
der offiziellen Gesangbücher für die Messliturgie. Der vorliegende Beitrag
bringt eine Übersicht über Vorgeschichte, Publikation, Wirkungsgeschichte und
heutige Bedeutung dieses Buches, das auf Vorarbeiten seines Herausgebers Dom
Joseph Pothier (Graduale 1883 und 1895)
zurückgeht. Die Vorgeschichte ist gekennzeichnet von Konflikten zwischen römischen
Behörden und dem innovativen Kreis rund um die Mönche von Solesmes, dem sich
Pius X. angeschlossen hatte. Die Entstehung des Buches im Rahmen des Projektes
einer Editio Vaticana ist ein Beispiel für Generationen- und Autoritätskonflikte,
sowie wissenschaftlicher Präferenzen. Die Umwälzungen der Liturgiereform
brachten eine liturgische Neupositionierung des Buches, der Forderung von SC
117 nach einer editio magis critica wird im privaten Rahmen der Internationalen
Gesellschaft für Studien des gregorianischen Chorals (AISCGre) nachgekommen.
Das Buch spiegelt auch die Situation der Aufführungspraxis der Gregorianik im
20. Jahrhundert wieder. Diese wird heute von der gregorianischen
Semiologie bestimmt, welche sich auf das Studium der ältesten Quellen stützt.
Vorliegender Vortrag ist die Gesamtübersicht in Ergänzung zu den Beiträgen zu
Einzelfragen in diesem Heft.