Vorwort

Die Herausgabe der Neuauflage der „Feier des kirchlichen Begräbnisses“ nahm die Redaktion des Heiligen Dienstes zum Anlass, ein Themenheft zu redigieren, das sich mit liturgiepastoralen Fragen der Begräbnispraxis befasst. Dabei wird neben der Vorstellung der katholischen Begräbnisfeier – sei es im neuen offiziellen Ritualefaszikel oder im neuen Wiener Manuale – der Blick auch auf die evangelische Bestattungspraxis sowie auf nicht-kirchliche Bestattungsformen gerichtet. Ergänzt werden diese Beiträge durch Erfahrungen mit der Leitung von Begräbnisfeiern durch Laien sowie durch einen Bericht eines Bestattungsunternehmens.

Auch wenn sich anlässlich eines Todesfalles die meisten Menschen nach wie vor eine religiöse Feier wünschen, so bedeutet dies keineswegs, dass die dahinter stehenden Motive immer religiöser Natur, geschweige denn spezifisch christlich, sein müssen. Nicht selten wird in einer Extremsituation psychischer Belastung dankbar auf bereits bestehende Strukturen gesellschaftlich etablierter Einrichtungen zurückgegriffen, die ein allseits bekanntes und akzeptiertes Handlungsschema für einen Todesfall anbieten. Es wäre oft eine heillose Überforderung für den Einzelnen, sich in dieser zeitlich drängenden Situation auch noch um alternative Begräbnisformen umzusehen.

Andererseits deutet die Zunahme an alternativen Bestattungsformen darauf hin, dass die weit verbreitete Entkirchlichung nun auch eine der letzten verbliebenen Monopolstellungen christlicher Konfessionen erreicht hat. Das hier entstehende Marktsegment im Bereich des Bestattungswesens unterscheidet sich nicht grundsätzlich von anderen Märkten, was die Logik von Angebot und Nachfrage betrifft: Es wird nicht nur das angeboten, wonach eine Nachfrage besteht, sondern das Angebot beeinflusst auch die Nachfrage – letztlich auch in dem Sinn, dass die Nachfrage selbst zu einer zu erzeugenden Ware wird, die eine steigernde Nachfrage sichert. Die zunehmende Individualisierung dürfte das Bedürfnis nach individuellen Feierformen zusätzlich verstärken und zu einer weiteren Diversifizierung des Angebots führen.

Die bislang große Akzeptanz kirchlicher Begräbnisfeiern in weiten Teilen der Bevölkerung könnte leicht übersehen lassen, dass die konkret versammelte Feiergemeinde oft sehr heterogen zusammengesetzt ist. Damit ist nicht nur die unterschiedliche Betroffenheit der Beteiligten und ihre Nähe zum Verstorbenen gemeint; eine differenzierter werdende Gesellschaft führt zwangsläufig dazu, dass die sozio-kulturellen Voraussetzungen bei den Anwesenden immer weniger einheitlich ausgeprägt sind. Dieser Umstand ist natürlich nicht nur auf die Begräbnisfeier beschränkt, er trifft auch in eingeschränkterer Form auf die Feiern von Taufe und Trauung zu. Zu diesen Anlässen finden sich mehr oder weniger Betroffene ein, es kommen vielleicht kirchlich Engagierte, Gleichgültige und aus der Kirche Ausgetretene zusammen.

In einem solchen Fall führt nicht der gemeinsame Glaube zu einer Feier zusammen, sondern ein konkreter Anlass, ein Verwandtschaftsverhältnis oder vielleicht auch ein Zufall. Im Gegensatz zur Eucharistiefeier oder zu anderen regelmäßig wiederkehrenden Gottesdiensten haben diese einmaligen Feieranlässe einen für die Anwesenden konkret erkennbaren Grund, einen „Sitz im Leben“ – was nicht heißt, dass damit bereits sämtliche kirchliche Inhalte dieser Feiern tatsächlich bekannt wären oder gar akzeptiert würden. Trotzdem bieten gerade solche einmaligen Feiern an existentiell wichtigen „Knotenpunkten“ individuellen Lebens eine große pastorale Chance, neue Zugänge zum christlichen Glauben zu eröffnen. Oft werden allerdings einseitig die missionarischen Chancen dieser Feiern betont, indem u. a. auf den Umstand hingewiesen wird, dass hier Menschen erreicht werden könnten, die ansonsten kaum in der Kirche anzutreffen sind. Unberücksichtigt bleiben dabei viele pastorale Risiken, die ebenfalls von großer Tragweite sein können. Gerade in sensiblen emotionalen Momenten können gut gemeinte Ratschläge, moralische Belehrungen oder das rubrizistisch-kleinliche Beharren auf bestimmte liturgische Vorschriften unter missionarischem Aspekt kontraproduktiv sein. In solchen Situationen können Verletzungen geschehen, die im Normalfall vielleicht als unpassend oder ärgerlich erscheinen, hier aber zu langfristiger Entfremdung von der Kirche führen können.

Der alte wie der neue kirchliche Begräbnisritus wird im Titel als „Feier“ bezeichnet. Diese Formulierung klingt für manche möglicherweise überraschend: Was sollte man angesichts des Todes schon zu „feiern“ haben? Hier wird der Unterschied zu manchen nicht-kirchlichen Bestattungsformen besonders deutlich: Aus christlicher Sicht begeht man nicht nur einen „feierlichen“ Ritus; man hat auch einen Feier-Grund, der Hoffnung über den Tod hinaus gibt – die Auferstehung.

Die Schriftleitung