Gunda Brüske, Fribourg/Andreas Redtenbacher, Klosterneuburg

Vorwort

Über kaum ein Thema betreffend Liturgie herrscht heute größere Einmütigkeit, als über den allgemein zu konstatierenden Mangel an „liturgischer Bildung“: anzutreffen in den Gemeinden, bei Liturgieverantwortlichen, bei  hauptamtlichen pastoralen Mitarbeitern, leider auch bei priesterlichen Amtsträgern.

In der unmittelbar nachkonziliaren Zeit (mit ihren spezifischen Problemen) war  „liturgische Bildung“ zumeist entlang der einzelnen Reformschritte erfolgt und war gleichsam die theologisch interessante „Begleitmusik“ zur „äußeren“ Reform. Diese notwendige liturgiebildnerische Begleitung versiegte aber je länger je mehr, als die erneuerte Form gefunden und die erste Generation der neuen liturgischen Bücher landauf landab etabliert war. Es ist wohl nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, das Thema „Liturgie“ sei insgesamt aus den pastoralen Bildungsbemühungen und aus der Verkündigung mehr und mehr herausgefallen; damit zugleich auch das Verständnis des Gottesdienstes, damit auch die Freude über die Mitte des Glaubens in der Feier der Liturgie mit unabsehbaren Folgen für ihren sachgemäßen Vollzug. Mühsam musste in den letzten Jahren anhand des Themas „ars celebrandi“ (das ja keineswegs allein die äußere Gestalt der Feier betrifft) verlorenes Tiefen-Terrain neu bewusst gemacht werden. Wie auch das Konzil lehrt, kann eine Liturgiereform nicht ein für alle Mal mit der Neufassung der liturgischen Bücher beendet werden und im Apostolischen Schreiben „Vicesimus quintus annus“ zur 25-Jahr-Feier der Promulgation der Liturgiekonstitution legt Johannes Paul II. konsequent den Finger auf die tatsächlich existierende Wunde: alles käme  darauf an, das Verstehen der Liturgie wieder neu zu vertiefen – im Klartext also: der  liturgischen Bildung den ihr gebührenden Stellenwert zurückzugeben.  

In der Tat geht es um ein „Zurückgeben“ – wenn auch unter neuen Bedingungen!  Denn nicht erst zur unmittelbaren Aufbruchszeit nach dem Konzil ist rückschauend ein deutliches Mehr an praktizierter liturgischer Bildung wahrzunehmen und nicht nur die Konzilskonstitution „Sacrosanctum Concilium“ hatte zuvor schon vehement darauf insistiert, dass die Weckung des liturgischen Geistes unter Seelsorgern und Gläubigen als permanentes Kerngeschäft des pastoralen Auftrags ein Dauerauftrag für alle Zukunft bleibt, der aus dem Liturgieverständnis des Konzils folgt. Schon die Vertreter der Liturgischen Bewegung vor dem Konzil lebten dies vor und schärften in ihren Schriften die unbedingte Notwendigkeit liturgischer Bildung ein – allen voran Romano Guardini und Pius Parsch. Es kommt nicht von ungefähr, dass beide Namen aus der Not der Stunde in den letzten Jahren wieder neu entdeckt wurden. Seelsorge war bei ihnen vorrangig Mystagogie und Hinführung zum Vollzug des Gottesdienstes, verbunden auch mit dem liturgiepastoralen Prinzip der Einübung. Das alles geht uns heute weitgehend ab und ruft nach einer pastoralen Umkehr, durch die Liturgie selbst neu zum „roten Faden“ der Pastoral und liturgische Bildung zur neuen Mitte der Verkündigung wird. Dabei sind die „Orte“ liturgischer Bildung in der modernen Medien- und Internetgesellschaft vielfältiger geworden und rufen ebenfalls nach einer Neubesinnung.

Dem Gewicht der Sache folgend, ist das vorliegende Themenheft entsprechend umfangreich und differenziert ausgefallen: Teil A behandelt Grundsatzfragen zum Thema. Teil B befasst sich mit den vielfältigen und sehr konkreten Bemühungen zur liturgischen Bildung auf Landes- und Bistumsebene. Teil C nimmt alte und neue „Orte“ liturgischer Bildung aus der Perspektive der gegenwärtigen Situation in den Blick und Teil D bezieht aus dem ökumenischen Umfeld der Schwesterkirchen wichtige Inspirationen und Anregungen und weitet den Blick in sonst weniger beachtete Dimensionen der liturgischen Bildung.

Die beiden Redaktoren und die Autoren wünschen sehr, dass dieses Heftes zum neuen Anstoß wird, den nach wie vor geltenden Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils zur liturgischen Bildung in der Praxis der Kirche neu und konsequent wahrzunehmen. Neben allen an der Sache Interessierten wendet das Heft sich daher ganz besonders an die Liturgieverantwortlichen, an die Liturgen als Vorsteher gottesdienstlicher Feiern und nicht zuletzt an die Bischöfe als Letztverantwortliche für ein liturgiepastorales Grundkonzept, das der liturgischen Bildung endlich wieder den Raum zurückgibt, den das Konzil, vor allem aber die Liturgie selbst fordert.