Die Verkündigung des Wortes Gottes wird heute zu Recht als ein zentraler Bestandteil jeder liturgischen Feier angesehen. Diese Hochschätzung für die Heilige Schrift war und ist bekanntlich nicht immer selbstverständlich. Andererseits gibt es aber auch eine bestimmte Form der Überschätzung der Heiligen Schrift, die ebenfalls nachdenklich stimmen sollte.

Wie eine repräsentative Umfrage (International Social Survey Programme, 1998) gezeigt hat, ist der Anteil jener, die die Heilige Schrift in dem Sinn als Wort Gottes auffassen, dass es wörtlich genommen werden muss, erschreckend hoch. Auf die Frage, welche der folgenden Aussagen den eigenen Überzeugungen gegenüber der Bibel am nächsten kommt, konnten folgende Antworten gewählt werden: (1) Die Bibel ist das Wort Gottes und muss wörtlich genommen werden; (2) Die Bibel ist durch das Wort Gottes inspiriert, aber nicht alles sollte wörtlich genommen werden; (3) Die Bibel ist ein altes Buch mit Fabeln, Legenden, Geschichten und moralischen Lehren, die von Menschen niedergeschrieben wurden.

Natürlich wäre hier eine größere Trennschärfe zwischen den Antwortkategorien wünschenswert gewesen, aber es dürfte doch deutlich sein, dass die Fragesteller mit der ersten Antwortmöglichkeit ein wortwörtliches Schriftverständnis im Blick gehabt haben (im englischsprachigen Fragebogen heißt es: [...] it is to be taken literally, word for word).

Brisant ist der Umstand, dass dieses problematische Schriftverständnis durch eine regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst offenbar nicht korrigiert wird, im Gegenteil. Von jenen, die mindestens einmal in der Woche oder öfter am Gottesdienst teilnehmen, ist immerhin jeder Vierte der Ansicht, dass die Bibel wortwörtlich genommen werden muss. Von jenen, die 2- bis 3-Mal im Monat am Gottesdienst teilnehmen, ist nur ca. jeder Fünfte dieser Auffassung; und wer nur einmal im Monat am Gottesdienst teilnimmt, ist noch weniger von der wortwörtlichen Auslegung der Heiligen Schrift überzeugt (13%). Diese Zahlen beziehen sich auf Katholiken in 16 hochindustrialisierten Ländern Europas, Nordamerikas sowie auf Australien und Neuseeland.

Bei aller Würdigung der Verdienste der Liturgiereform für eine Aufwertung der Heiligen Schrift in den liturgischen Feiern, bleibt insofern ein schaler Beigeschmack zurück, als es zwar einerseits gelungen ist, den Tisch des Wortes reicher zu decken; andererseits gelang es im Gegenzug offenbar (noch) nicht ausreichend, das Inspirationsverständnis der Kirche angemessen zu vermitteln. Dass es zwischen einem wörtlichen Verständnis der Bibel und dessen Einschätzung als Sammlung bloßer Fabeln, Legenden und moralischen Lehren noch etwas anderes geben kann, scheint vielen nach wie vor verschlossen zu sein.

Hier stellt sich auch die Frage, inwiefern durch die rituelle Inszenierung der Schriftverkündigung diesem Miss-Verständnis vom Wort Gottes im einen oder anderen Fall vielleicht ungewollt Vorschub geleistet wird. So richtig z.B. der (fakultative) Abschluss der Lesung mit „Wort des lebendigen Gottes“ verstanden werden kann, so missverständlich kann er auch sein.

In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Komplexität dürfte das Bedürfnis nach klarer Orientierung bei manchen Gläubigen zunehmen. Es scheint verlockend zu sein, für alle Sorgen des täglichen Lebens und für jedes gesellschaftliche Problem ‚fertige Antworten aus dem Mund Gottes zu erwarten. Umso wichtiger ist es für die verantwortlichen Leitungspersonen liturgischer Feiern, im Umgang mit der Heiligen Schrift sensibel zwischen der Szylla wortwörtlicher Auslegung und der Charybdis steinbruchartiger Anwendung hindurchzusteuern.

Die Schriftleitung