Wort zu diesem Heft Am 13. März 2001 wurde Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari zum neuen Bischof der Diözese Graz-Seckau ernannt. Als Referent für Liturgie in der Österreichischen Bischofskonferenz ist Bischof Kapellari auch Vorsitzender der Liturgischen Kommission für Österreich. P. Winfried Bachler OSB, Schriftleiter unserer Zeitschrift und Leiter des Österreichischen Liturgischen Institutes in Salzburg, zeichnet in seiner Funktion als Sekretär der Liturgischen Kommission für Österreich wichtige Stationen im bisherigen Wirken von Bischof Kapellari nach. Die Liturgische Kommission für Österreich hielt ihr jährlich stattfindendes Symposion im vergangenen Jahr in Mödling, Niederösterreich, ab. Zur Thematik "Die Schrift in der Liturgie" trafen sich vom 9. bis 10. Oktober 2000 Fachleute und interessierte Liturgieverantwortliche im Bildungshaus St. Gabriel. P. Angelus A. Häußling OSB, Professor für Liturgiewissenschaft in Maria Laach, lotet im ersten Hauptreferat die biblischen Grundlagen christlicher Liturgie nach mehreren Seiten hin aus. Sein Referat befasst sich u. a. mit folgenden Aspekten: Die aufeinander bezogenen Dimensionen von Glaube und Freiheit, die in der Begegnung mit der vielfachen Gestalt des Wortes Gottes in der Liturgie zu Antwort und Gebet drängen; die in der jeweiligen Aktualisierung des Wortes Gottes sich ereignende "Rollenidentifikation" als "Hineinzitieren" in die authentische Heilsgeschichte; die kritische Überprüfung der Mehrfunktionalität von Schriftlesungen in der Liturgie anhand gelungener und weniger gelungener Beispiele. In seinem Referat zur Schriftgemäßheit als Anspruch an das Kirchenlied zeigt Ansgar Franz, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Bochum, anhand von vier Kirchenliedern – einem Hymnus aus der Alten Kirche, einem klassischen Kirchenlied der Barockzeit und zwei Neuen Geistlichen Liedern – auf, inwiefern diese selbst sich auf die Heilige Schrift beziehen und gerade dadurch die Frage nach ihrer Schriftgemäßheit beantworten. Franz gelangt so zu einer Bestimmung der Schriftgemäßheit des Kirchenliedes: Insofern dieses sich zum Gott der Bibel bekennt, die Gegenwart in der Heilsgeschichte begründet und von dieser die Zukunft erwartet, könne von schriftgemäßem Kirchenlied gesprochen werden. Ein weiteres Referat, das sich mit der Bibel als "Gesangbuch" der römischen Liturgie befasste, hielt Franz Karl Praßl, Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz. Die Schriftleitung bedauert es, dass dieser Beitrag zur Zeit der Drucklegung noch nicht vorlag. Es ist beabsichtigt, diesen Beitrag in einem späteren Heft zu publizieren. Norbert Lohfink SJ, Professor für Altes Testament an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, wertet in seinem Referat die derzeitige Perikopenordnung grundsätzlich positiv, stellt aber auch weiterführende Überlegungen zur Leseordnung zur Diskussion. Ausgehend von den wichtigsten Prinzipien der nachkonziliaren römischen Leseordnung für die Sonntage im Jahreskreis untersucht Lohfink verschiedene Reformvorschläge und deren Chancen auf Verwirklichung. Besonderes Augenmerk legt Lohfink dabei auf die – auch von ihm mitvertretene – sogenannte "Wiener Perikopenordnung", für die an den Sonntagen im Jahreskreis u. a. eine Tora-Bahnlesung – in polarer Spannung zur Evangelien-Bahnlesung – charakteristisch ist. Persönliche Erfahrungsberichte im Umgang mit der Schrift in der Liturgie sowie Gesprächskreise rundeten das Tagungsangebot ab und boten zugleich Gelegenheit individueller Vertiefung in die Thematik. Einen festlichen Höhepunkt stellte die Vigilfeier mit erweiterter Lesehore dar, von der wir hier einen kurzen Auszug aus dem Diatessaron von Ephräm dem Syrer († 373) bringen:
Das Wort Gottes ist ein unerschöpflicher Ouell des Lebens Herr, wer könnte mit seinem Geist auch nur eines von deinen Worten ganz verstehen? Das, was wir nicht erfassen, bleibt größer als das, was wir verstehen, wie Dürstende, die an einer Ouelle trinken. Das Wort Gottes hat ja viele Seiten, die es den Lernenden je nach ihrer Auffassungsgabe darbietet. Gott hat seinem Wort viele Farben gegeben. Wer es erforscht, soll an ihm etwas sehen können, was ihn anspricht. Gott hat in seinem Wort Schätze von vielerlei Art niedergelegt; jeder von uns, der sich darum müht, soll daran reich werden können. Das Wort Gottes ist ein Lebensbaum, der dir auf allen Seiten gesegnete Frucht anbietet, darin ähnlich jenem Felsen, der sich in der Wüste auftat und nach allen Seiten einen geistlichen Trank darbot. Der Apostel sagt: "Alle aßen die gleiche gottgeschenkte Speise, und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank." (1 Kor 10,3f) Wer also einen Teil aus dem Schatz bekommt, meine nicht, das Wort enthalte nur das, was er selbst gefunden hat. Er soll sich vielmehr darüber klar sein, dass er aus dem reichen Inhalt nur diesen Teil finden konnte. Er sage nicht, das Wort selbst sei dürftig und unfruchtbar, weil er nicht weiter kam und nur diesen Ausschnitt zu finden vermochte. Er verachte das Wort nicht, sondern sage Dank für seine Reichtümer, die er selbst nicht zu fassen imstande ist. Freu dich, dass du besiegt bist, und sei nicht traurig, weil das Wort dir überlegen ist. Der Dürstende freut sich beim Trinken und trauert nicht darüber, dass er die Ouelle nicht austrinken kann. Die Quelle besiege deinen Durst, nicht dein Durst die Ouelle. Denn wenn dein Durst gestillt wird, ohne dass die Ouelle ausgeschöpft ist, kannst du aufs Neue trinken, falls du wieder Durst hast. Wenn die Quelle ausgetrocknet wäre, nachdem du deinen Durst gestillt hast, dann wäre dein Sieg zum Unheil für dich geworden. Danke für das, was du erhieltest, und betrübe dich nicht wegen des Reichtums, der übrigblieb. Was du bekommen und erreicht hast, ist dein Anteil. Was übrig ist, wirst du einst erben. Was du infolge deiner Unzulänglichkeit in dieser Stunde nicht erlangen kannst, bekommst du in einer anderen. Du musst nur durchhalten. Versuche nicht fälschlicherweise mit einem einzigen Schluck zu nehmen, was man nicht auf einmal schlucken kann. Aber höre auch nicht aus Feigheit auf, von dem zu nehmen, was du nur nach und nach empfangen kannst. (vgl. Lektionar zum Stundenbuch II/6, S. 11f) Die Schriftleitung
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