Wort zu diesem Heft

von
Bert Groen
Anlässlich
der Tatsache, dass im Jahr 2004 vierzig Jahre zuvor die Liturgiekonstitution des
Zweiten Vatikanischen Konzils „Sacrosanctum Concilium“ und hundert Jahre
zuvor das Motu Proprio über die Kirchenmusik „Tra le sollecitudini“
promulgiert wurden, fand in Graz am 16. Jänner 2004 eine Tagung zum Thema der
Liturgieerneuerung statt.
Diese
Tagung wurde vom Institut für Liturgiewissenschaft, christliche Kunst und
Hymnologie der Karl-Franzens-Universität in Graz organisiert. Bezeichnend für
dieses Institut ist unter anderem der innere Zusammenhang in Lehre und Forschung
zwischen Liturgie, Kirchenraum, darstellenden Künsten und Gesang. Das kam in
der Tagungsstruktur darin zum Ausdruck, dass es explizite Referate zu diesen
Aspekten gab. Sämtliche Beiträge konzentrierten sich auf die Problematik der
‚tätigen Teilnahme‘
an der Liturgie (participatio actuosa). Man versuchte sowohl eine
Bestandsaufnahme der Errungenschaften der Liturgiereform zu machen als auch
Perspektiven zukünftiger Liturgieentwicklung zu skizzieren.
Im
ersten Artikel beschreibt Bert Groen die Bedeutung und den Stellenwert des
Postulates der „vollen, bewussten und tätigen Teilnahme“ aller Getauften an
der Liturgie im Rahmen der Liturgiekonstitution. Danach wendet
er sich der heutigen liturgischen ‚Landschaft‘ zu und untersucht, in welchen Hinsichten diese sich – im Vergleich mit
dem Zeitalter des Zweiten Vatikanums – verändert hat und noch immer verändert
und was dies für das Anliegen der aktiven Teilnahme bedeutet. Er geht
einerseits auf das Problem der abnehmenden Teilnahme an den kirchlichen
Gottesdiensten ein und zeigt andererseits das breite rituell-liturgische
Spektrum neben den ‚klassischen‘ Gottesdiensten im Kirchengebäude. Dabei stellt er fest, dass zwischen der
aktiven Teilnahme an der Liturgie und der Inkulturierung der Liturgie ein
wesentlicher Zusammenhang existiert. Eine weitere Nuancierung in Bezug auf die tätige
Teilnahme betrifft die Feststellung, dass nur eine Minderheit der Christen und
Christinnen sich aktiv im kirchlichen und liturgischen Leben engagieren möchte
und dass die Mehrheit die liturgischen Entwicklungen mehr oder weniger passiv
abwartet. Zum Schluss bespricht er noch einige andere ‚Umbruchspunkte‘.
Es
folgen zwei Beiträge über die Rolle und die Bedeutung des Gesanges. Die ‚tätige
Teilnahme‘
am Gottesdienst der Kirche realisiert sich ja zu einem guten und wichtigen Teil
im liturgischen Gemeindegesang. Peter Ebenbauer untersucht in seinem Artikel den
Stellenwert des gemeinsamen Singens in der Liturgie. Neben wichtigen
historischen und liturgietheologischen Einsichten betont er die humanisierenden
und spirituellen Potentiale des gemeinsamen gottesdienstlichen Singens. Für die
seelsorgerliche Praxis resultiert daraus die Empfehlung, das gemeinsame
(geistliche) Singen als pastorales Handeln hochzuschätzen und im Sinn einer
‚heiter-kreativen Selbstverständlichkeit‘
zu pflegen, denn: „Der kulturgeschichtlichen Krise des Singens sowie des
Musischen überhaupt kann seitens der Kirche nur eine Gegenkultur intensiver und
humanisierenden musikalisch-kreativer Praxis antworten.“
Im
zweiten Teil des hymnologischen Diptychons erörtert Franz Karl Praßl die
liturgische Rolle und die Entwicklung der österreichischen katholischen
Kirchenmusik im 20. Jahrhundert. Diese Situation ist geprägt von der süddeutsch-österreichischen
Kirchenmusikpraxis des 18. Jahrhunderts, ein wenig vom Cäcilianismus und – in
Hinblick auf den Gemeindegesang – sehr stark von den Aufbrüchen der
Liturgischen Bewegung in ihrer österreichischen Spielart. Nach dem Zweiten
Vatikanum war dies gleichermaßen Last wie Chance für eine musikalische
Erneuerung der Gottesdienste. Der Autor kommt zu folgendem Fazit: Das
Gemeindegesangbuch „Gotteslob“ wird bei großer Akzeptanz trotzdem selektiv
genutzt; die erneuerten Diözesanteile haben schwerpunktmäßig das neue
geistliche Lied, Mehrstimmigkeit und offene Gesangsformen; der Kantorendienst
hat immer noch mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen; die Chöre haben sich
konsolidiert; viele Kathedralen wurden zu umfassenden Kompetenzzentren in Sachen
Kirchenmusik. Zum Schluss legt Praßl dar, dass auch die Kirchenmusik von den
Umgestaltungsprozessen der Kirchen in Österreich stärker mit betroffen sein
wird, vor allem in der personellen Absicherung.
Es
folgen
drei Artikel, die
sich mit der bildenden Kunst und dem Kirchenbau beschäftigen:
Wiltraud
Resch geht auf die Frage ein, wie heutige Menschen ihre (verlorene) Beziehung zu
einem Raum in seiner ganzheitlichen Dimension wiedergewinnen können. Sie erörtert
das historische Verständnis von Sakralräumen und bespricht im Besonderen die
heutige Situation im Lichte der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums. Ihrer
Meinung nach kommt mit alleinigen Neugestaltungen der Altarzone der
Konzilsgedanke der Communio noch ungenügend zum Ausdruck. Der Dialog im
Kirchenraum wird deshalb weitergehen müssen. Dabei erwähnt sie ebenfalls die
Spannungen zwischen dem Denkmalamt und den liturgischen Erfordernissen sowie
einige diesbezügliche Beispiele.
Im
zweiten Teil dieses Triptychons thematisiert Alois Kölbl die Integration
zeitgenössischer Kunst in (alte) Kirchenräume und liturgische Ausstattungen.
Anhand von Beispielen aus steirischen Kirchen-Kunst-Projekten und international
herausragenden Orten der Begegnung von zeitgenössischer bildender Kunst und
Sakralraum lotet er Möglichkeiten und Perspektiven einer produktiven
Auseinandersetzung bzw. Integration aus und befragt diese auf ihre liturgischen
wie außerliturgischen Potentiale hin.
Erich
Renhart erläutert im dritten Teil das so genannte ‚steirische Modell‘
bei Kirchenneu- und -umbauten sowie bei der Neugestaltung von
Kircheneinrichtungen. Er bespricht die Vorgangsweise, die sich seit dem Zweiten
Vatikanum in der Diözese Graz-Seckau etabliert hat, und die eine konstruktive
Balance zwischen den Interessen der Gemeinden, der Diözese, des Denkmalschutzes
und der liturgisch wie künstlerisch Engagierten bzw. Verantwortlichen zu gewährleisten
versucht. Insbesondere geht es in diesem Zusammenhang um die Berücksichtigung
und aktive Beteiligung der betroffenen Gemeinden. Zum Schluss werden die
Besonderheiten des Modells diskutiert.
Im
letzten Beitrag dieses Heftes gibt Erwin Löschberger einen detaillierten
Überblick über die liturgische Feierkultur in der Diözese Graz-Seckau im
Hinblick auf den Gemeinschaftscharakter des Gottesdienstes. Probleme und
Zukunftsaufgaben für eine Vertiefung und Verlebendigung der Liturgie treten
darin deutlich hervor und werden konkret benannt.
Für
die Publikation wurden die meisten Beiträge gründlich überarbeitet, einige
wurden aktualisiert. Die Tagung wurde von über 70 Teilnehmenden mit großem
Interesse verfolgt. Sie trugen durch zahlreiche kompetente Diskussionsbeiträge
nicht unwesentlich zum Erfolg der Tagung bei.
Das
Institut für Liturgiewissenschaft, christliche Kunst und Hymnologie in Graz
dankt dem Land Steiermark, der Stadt Graz und der Diözese Graz-Seckau für die
großzügige finanzielle Unterstützung der Tagung.
Nachdem
die Zeitschrift ‚Heiliger Dienst‘ bereits im
Jahr 2003 dem Jubiläum ‚40 Jahre Liturgiekonstitution‘
ein Themenheft gewidmet hat, freut sie sich, dass sie dieses wichtige Ereignis
– vor allem das Anliegen der ‚tätigen Teilnahme‘
– nochmals in die Mitte der Aufmerksamkeit rücken kann.
