Wort zu diesem Heft

„An vielen gottesdienstlichen Feiern, wie der Taufe, der Erstkommunion, der Trauung oder des Begräbnisses, nehmen häufig Menschen teil, die wenig oder keine Beziehung zum kirchlichen Leben haben. Daneben gibt es zahlreiche weitere Anlässe, an denen die Kirche aus unterschiedlichsten Beweggründen aufgesucht wird, um solche Anlässe feierlich zu begehen. Das kann für beide Seiten zu einer Belastung werden:

         für die Liturgie, weil sie vom Glauben der Mitfeiernden getragen sein muss, will sie nicht zu bloßem Ritualismus erstarren;

         für die Menschen, die sich nicht, kaum oder nur teilweise mit den Inhalten und Aussagen, die in ihrem Namen gemacht werden, identifizieren (können).

Andererseits bieten liturgische Feiern auch die Chance, das Wünschen, Wollen und Suchen der Menschen aufzunehmen und im christlichen Geist zu verwandeln.“

Mit diesen Worten des Symposion-Flyers lud die Liturgische Kommission für Österreich wieder zu ihrem jährlich stattfindenden Symposion am 26./27. September 2005 ein. Diesmal beschäftigte man sich mit dem Thema „Anlass-Gottesdienste. Liturgische Feier zwischen theologischem Anspruch und pastoraler Wirklichkeit“.

Nach Begrüßung und Eröffnungsworten von Erzbischof Dr. Alois Kothgasser als Vorsitzendem der LKÖ wurde die Zuhörerschaft durch Erfahrungsberichte aus unterschiedlichen Bereichen gottesdienstlichen Feierns auf das Thema eingestimmt: Elisabeth Spitaler, Graz, berichtet von der „Osterspeisensegnung“ in der Steiermark, zu der am Karsamstag nachmittags zahlreiche Menschen strömen und die im Volksmund „Fleischweihe“, aber auch scherzhaft das „8. Sakrament“ genannt wird. Franz Bierbaumer, Feuerwehrseelsorger der Stadt Wien, gibt Einblick in einige Koordinierungsprobleme, die auftreten können, wenn zu den verschiedensten Anlässen mit der Feuerwehr Gottesdienste gefeiert werden. Paul Weß reflektiert auf dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrungen als Pfarrer in Wien über die Bedeutung und Gestaltung von Taufe und Trauung.

In seiner Einführung in die Tagung nimmt Andreas Redtenbacher, Redaktionsmitglied unserer Zeitschrift, die gesellschaftliche Situation zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Er schildert die begriffliche Verworrenheit sowie die dahinter stehende Vielfalt an gottesdienstlichen Anlässen und tritt für einen kreativen, pastoral und theologisch verantwortbaren Umgang mit der neu entstandenen Situation ein.

Im ersten Hauptreferat legt der Freiburger Religionssoziologe Michael N. Ebertz seine empirisch begründete Typologie unterschiedlicher Milieus vor, die unterschiedliche Zugänge zu Glaube und Kirche impliziere. Dieser Umstand verlange nach entsprechender „Anpassung“ der christlichen Botschaft an die jeweiligen Rezipienten. Das dürfe aber nicht mit Konformismus oder Opportunismus verwechselt werden, sondern sei vielmehr unabdingbar mit der Treue zum Inhalt der Botschaft verknüpft.

Über das Verhältnis von Anpassung und Angleichung, aber auch grundsätzlicher zwischen dem Spannungsverhältnis von Soziologie und Theologie entzündete sich – allerdings erst bei der schriftlichen Abfassung der Referate im Anschluss an das Symposion – eine heftige Debatte zwischen Paul Weß und Michael Ebertz, die in diesem Heft dokumentiert wird. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Redaktion der Bitte von Weß nachgekommen ist und ihm den Tonbandmitschnitt des Referates von Ebertz zur Verfügung stellte. Nachdem der Redaktion die schriftliche Fassung des Referates von Weß mit sehr kritischen Angriffen auf Ebertz vorlag, wurde diesem aus journalistischer Fairness der Beitrag von Weß übermittelt, um ihm eine Replik auf die gegen ihn erhobene Kritik zu ermöglichen.

Im zweiten Hauptreferat ging der Wiener Pfarrer Roland Schwarz der Frage nach, wie in frühchristlichen Gemeinden mit Fernstehenden umgegangen wurde. Entgegen der nahe liegenden Auffassung, dieses Problem hätte es in der Begeisterung des Anfangs nicht gegeben, dokumentieren bereits die Schriften des Neuen Testaments, dass es von Beginn an unterschiedliche Integrationsstufen hinsichtlich der gottesdienstlichen Feier gegeben hat.

„Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sie feiert Geheimnisse“: Mit diesem provokanten Zitat bringt der Münchener Liturgieprofessor Winfried Haunerland das Dilemma des Tagungsthemas auf den Punkt. Für Haunerland sind Anlassgottesdienste teils als Liturgie (wie Taufe, Trauung und Begräbnis) und teils als Gebetshilfe und kirchliches Zeugnis (wie etwa Gottesdienste nach Katastrophen) zu verstehen. Am Schluss seiner Ausführungen stellt Haunerland Thesen auf dem Weg zu einer Kriteriologie vor, die als Hilfe für eine diakonische Gottesdienstpraxis gedacht sind.

Für einen pastoraltheologischen Zugang zum Tagungsthema war ursprünglich Prof. Dr. Ottmar Fuchs, Tübingen, eingeladen, der aber seine Teilnahme kurzfristig aus Krankheitsgründen absagen musste. Dankenswerterweise erklärte sich Dozent DDr. Paul Weß spontan bereit, anstelle des erkrankten Referenten einzuspringen. Sein – im wörtlichen Sinn – „über Nacht“ ausgearbeitetes Referat stieß jedoch z. T. auf großes Unverständnis und erntete massive Kritik, v. a. was die Rolle der Hl. Schrift und des Lehramtes betrifft. In seinem Referat führte Weß aus, dass der Glaube auf persönliche Erfahrung und Deutung gegründet sein müsse; eine bloße Begründung auf Autoritäten wie Bibel oder Dogmen wäre fundamentalistisch und verlaufe zirkulär.

Trotz beträchtlicher Vorbehalte hat sich die Redaktion dazu entschlossen, diesen Beitrag ungekürzt aufzunehmen, da einerseits dieses Heft das Symposion möglichst vollständig dokumentieren soll und andererseits die Auseinandersetzung mit Ebertz (s. oben) auf breites Interesse stoßen dürfte.

Im Anschluss an die Abschluss-Diskussion waren die Referenten um ein resümierendes Schlusswort gebeten worden. Diese abschließenden Statements werden ebenfalls in diesem Heft abgedruckt.

Die Schriftleitung