Wort zu diesem Heft
Das
Bild vom wandernden Gottesvolk prägt auch die christliche Existenz: In einer
unaufhebbar prekären und gefährdeten Welt setzt die Feier der Liturgie einen
Gegenakzent, indem sie die Perspektive weitet und neue Kraft aus dem Glauben
vermittelt. In der Liturgie wird christliches Leben nicht nur begleitet und
verdichtet, sondern in ihr weisen wesentliche Elemente selbst den Charakter
eines Weges auf. In verschiedenen Zugängen spüren die Autoren dieses Heftes
dieser engen Verbindung von Gottesdienst und persönlichem Leben nach.
Im
ersten Beitrag untersucht Frank Walz, Redaktionsmitglied unserer Zeitschrift,
den Zusammenhang zwischen Gottesdienst, Glaube und Leben. Aus der
wechselseitigen Verflochtenheit dieser drei Grundkategorien christlicher
Existenz ergibt sich die Folgerung, dass der Gottesdienst das ganze Leben prägt
und formt und insofern als eine Lebensform bezeichnet werden kann. Allerdings
gilt auch umgekehrt, dass die umwandelnde Kraft liturgischer Spiritualität sich
erst im Kontext von Glaube und Welt voll entfalten kann.
Der
evangelisch-reformierte Liturgiewissenschaftler Alfred Ehrensperger stellt die
Weg-Metapher als möglichen Aspekt eines fruchtbaren Liturgieverständnisses
vor. Die Anwendung der Weg-Metapher auf die Liturgie schließt an allgemein
menschlichen Wegerfahrungen an und ist im biblischen Gottesbild grundgelegt. Als
gleichnishaftes Leitbild für den Wegcharakter der Liturgie weist Ehrensperger
auf den Weg der Jünger nach Emmaus hin. Von diesem Wegcharakter leitet er
Folgerungen für die praktische Vorbereitung und Gestaltung von Gottesdiensten
ab. Ehrensperger deutet die Weg-Metapher auch anhand konkreter Beispiele, nämlich
der römisch-katholischen Messe, des Zürcher Reformationsgottesdienstes, der
Osternachtsfeiern und der Tagzeitenliturgien.
In
seinem Beitrag „Lebendige Gottes- und Menschenbegegnung in der Liturgie“
bezieht sich der Liturgiewissenschaftler Reinhold Malcherek besonders auf die
heilsgeschichtlich-personale Liturgietheologie von Prof. Altfrid Kassing (†
1997). Dieser versteht die soteriologische Dimension der Liturgie auch als
Begegnungsgeschichte zwischen Gott und Mensch; Liturgie wird als ein
Beziehungsgeschehen charakterisiert, wofür er dynamische Begriffe wie „Weg“
oder „Begegnung“ wählt. Malcherek zeigt ausführlich auf, dass Kassings
heilsgeschichtliches Liturgieverständnis jener liturgietheologischen Linie
angehört, die schließlich zur Liturgietheologie des II. Vatikanums hinführte.
Der
enge Zusammenhang von Liturgie, Glaube und Leben lässt sich wohl kaum
eindrucksvoller dokumentieren als im Zeugnis gläubigen Martyriums. Manfred
Probst, Professor für Liturgiewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen
Hochschule Vallendar, berichtet vom Glaubenszeugnis des Pallottinerpaters
Richard Henkes SAC, der sich im KZ Dachau freiwillig zur Pflege von
Typhuskranken meldete, sich dabei infizierte und kurz darauf starb. Probst
unterstreicht die Bedeutung der gottesdienstlichen Feier, aus der Henkes bis
zuletzt die Kraft zur Lebenshingabe bezog.
In
bewährter Form präsentiert unser Redaktionsmitglied Andreas Redtenbacher in
der Rubrik „Berichte und Notizen“ Neues und Neuestes aus den Bereichen
Liturgie und Liturgiewissenschaft.
Die Schriftleitung

