Wort zu diesem Heft

 

Am 29. Mai 2007 feierte Erzbischof Dr. Alois Kothgasser SDB seinen 70. Geburtstag. P. Winfried Bachler OSB, Sekretär der Liturgischen Kommission für Österreich und Schriftleiter unserer Zeitschrift, zeichnet wichtige Stationen im Leben von Erzbischof Kothgasser nach und würdigt seine Verdienste für die Liturgie.

Das alljährlich stattfindende Symposion der Liturgischen Kommission für Österreich spürte diesmal einem modernen Phänomen nach, dessen Wurzeln einerseits weit in die Geschichte zurückreichen, andererseits aber auch von allgemeiner religiöser Bedeutung sind: Es handelt sich um das Religionen und Zeiten übergreifende Phänomen des Wallfahrens, das gerade in jüngster Zeit an manchen Orten einen ungeahnten Aufschwung erlebt.

Einen ersten Einblick in das Thema gewähren Erfahrungsberichte von ausgewiesenen Experten aus der Praxis des Wallfahrens: So schildert etwa P. Gerhard M. Walder OSM – er war viele Jahre Wallfahrtsseelsorger in Tschechien und in Maria Luggau, Kärnten – das Leben am Wallfahrtsort und die spezifischen Probleme, die sich aus dem Wallfahrtswesen für die Gemeinde am Ort ergeben können. Toni Wintersteller, Tourismusreferent der Erzdiözese Salzburg, berichtet über seinen persönlichen Zugang zur Wallfahrt und gibt Anregungen für die Begleitung von Pilgern.

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht setzt sich Helmut Eberhart, Professor am Institut für Volkskunde an der Universität Graz, mit dem Wallfahrtswesen auseinander. Er weist unter anderem auf den scheinbaren Widerspruch zwischen einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft und einem wiedererstarkten Interesse an Wallfahrten hin. Besonderes Augenmerk legt Eberhart auf den in den Kulturwissenschaften vollzogenen Perspektivenwechsel vom Wallfahrtsort hin zur Beschreibung des gesamten Vollzugs der Wallfahrt. Ebenso tritt er für eine differenzierte Beschäftigung mit dem in verschiedensten – auch sehr profanen – Bereichen verwendeten Wallfahrts- und Pilgerbegriff ein. Das wieder erwachte Interesse an Wallfahrten führt Eberhart letztlich auf ein gewisses kulturell-spirituelles Defizit in unserer Gesellschaft zurück. In Befragungen werden jedenfalls die Sehnsucht nach Spiritualität und das Bedürfnis nach Gemeinschaft sehr oft als wichtige Motivgründe für das Wallfahren angegeben. Insofern eine individualisierte und pluralistische Gesellschaft diese Grundbedürfnisse nur mehr unzulänglich erfüllt, kann Wallfahren auch als vielschichtiges Kompensationshandeln verstanden werden, in welchem tief verankerte Bedürfnisse zum Ausdruck gebracht und befriedigt werden. Längst haben sich verschiedenste gesellschaftliche Gruppen dieses Phänomen für ihre Ziele nutzbar gemacht.

Einen religions- und liturgiewissenschaftlichen Überblick über das Wallfahrtswesen im Judentum, Christentum und Islam gibt Bert Groen, Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät in Graz. Nach der Beschreibung einiger Merkmale von Wallfahrt, die fast allen Weltreligionen gemeinsam sind, geht Groen auf die je spezifischen Eigenheiten der drei „abrahamitischen“ Religionen ein. Groen liefert in seiner detailreichen Studie wichtige Einblicke in unterschiedliche Wallfahrtstraditionen und spricht sich – insbesondere auf dem Hintergrund heutiger multikultureller und multireligiöser Gesellschaften – für ein verstärktes interdisziplinäres Forschen aus.

Einen ausführlichen Bericht aus der Wallfahrtspraxis gibt Hubert Wachendorf OSB, Abtei St. Matthias, Trier. Unter anderem berichtet er von den jährlich stattfindenden Wallfahrten der Bruderschaften an das Grab des hl. Apostels Matthias in Trier, legt weiters die Schwerpunkte der Wallfahrtsseelsorge in St. Matthias dar und erzählt praktische Beispiele aus der pilgernden Glaubens- und Gebetsschule.

Beim „Gesprächstisch“ wurden neue, unterschiedliche Zugänge zur Wallfahrt erörtert: P. Kolumban Reichlin OSB, Kloster Einsiedeln, stellt die „Clinch-Wallfahrt“ vor, die als Zielgruppe auch jene umfasst, die „im Clinch“ mit der Kirche leben; Rudolf Bischof, Dompfarrer in Feldkirch, berichtet von seinem persönlichen Zugang zur Wallfahrt, die er auch in einem kleinen Buch zum Pilgern publiziert hat; Josef Marketz, Direktor des Seelsorgeamtes der Slowenischen Abteilung der Diözese Gurk, konnte als Organisator der Dreiländerwallfahrt (Österreich – Slowenien – Italien) wichtige Erfahrungen sammeln und schildert seine Eindrücke in Bezug auf das mannigfaltige Wallfahrtswesen. Frank Walz, Assistenzprofessor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg und Mitglied unseres Redaktionsteams, hat den Gesprächstisch moderiert.

In den Gesprächskreisen bot sich für die Teilnehmenden die Gelegenheit, verschiedene Bereiche zum Thema Wallfahrt zu vertiefen, unter anderem zur Wallfahrt in das Heilige Land und zur Medjugorje-Wallfahrt.

Abschließend sei noch auf ein Positionspapier zur Wallfahrtspastoral hingewiesen, das Reinhard Kürzinger, Domvikar in Eichstätt, dankenswerterweise für unsere Zeitschrift zur Verfügung gestellt hat. Dieses Positionspapier wurde von der „Arbeitsgemeinschaft der Wallfahrtsrektoren im deutschsprachigen Raum“ 1998 zusammengestellt und enthält Empfehlungen und Richtlinien zur Wallfahrtspastoral.

Die Schriftleitung