![]() Wort zu diesem Heft von Andreas Redtenbacher
Es ist ohne Zweifel ein Verdienst des letzten Papstes, Johannes Paul II., vor allem gegen Ende seines Pontifikates die Universalkirche intensiv vor ihren Quellgrund, die Eucharistie, hingeführt zu haben – und damit neu in die Feier des Christusgeheimnisses eingewiesen zu haben, aus dem sie lebt. Nicht nur die Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ und das Apostolische Schreiben „Mane nobiscum Domine“ zeigen es. Das weltweit ausgerufene „Jahr der Eucharistie“ und die noch von ihm verfügte Thematik der Bischofssynode über die Eucharistie haben ohne Zweifel zu einem neuen Nachdenken über das Thema geführt. Was kann der universale Bischof auch der Kirche für ein größeres Vermächtnis hinterlassen, als ihr mit dem Herrenwort zu sagen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“! Konsequenterweise wurde das Thema der Eucharistie von seinem Nachfolger Benedikt XVI. sofort aufgegriffen, vertieft und weitergeführt, was sich auch im nachsynodalen Schreiben „Sacramentum caritatis“ niederschlug. Die österreichische liturgiewissenschaftliche Zeitschrift „Heiliger Dienst“ vermerkt mit Freude, dass sich mit dem Jahr der Eucharistie zugleich ein jahrzehntelang gehegter Wunsch von Pius Parsch endlich erfüllte: er hatte schon vor 60 Jahren mitten in der Zeit der Liturgischen Bewegung gefordert, der Papst möge die Feier eines solchen weltweiten Jahres der Eucharistie ausrufen. Eine veritable Flut von teils beachtenswerten Publikationen über die Eucharistie erschien in der Folge und zahlreiche liturgiepastorale Initiativen sind seither bemüht, das Eucharistieverständnis auch in den Gemeinden zu vertiefen. Das vorliegende Doppelheft versucht – unabhängig mancher Irritationen der allerletzten Zeit – Grundlinien aufzuzeigen, von denen auszugehen ist, will man Eucharistie in ihrer Tiefe verstehen und leben: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie immer bildet ein „Wort zu diesem Heft“ seitens der Redaktion einen ersten Überblick.
I. Ausgangspunkte Diözesanbischof Manfred Scheuer, Innsbruck, war Teilnehmer der Bischofssynode 2005 über die Eucharistie und berichtet unter dem Titel „Eucharistie und Nächstenliebe“ aus erster Hand über die Synode der Bischöfe und das nachsynodale Schreiben von Papst Benedikt XVI. Er vermittelt daraus wichtige Impulse und Aufgaben. Der bekannte Münchener Ordinarius für Liturgiewissenschaft Univ. Prof. Dr. Winfried Haunerland spannt im Beitrag „Eucharistie der Kirche. Zur Spiritualität und Feierpraxis in unseren Gemeinden“ einen großen Bogen, der von den theologischen Eckdaten der Eucharistieenzyklika Johannes Pauls II. ausgeht und sich über Beobachtungen zur eucharistischen Praxis heute (Kommunionfrömmigkeit, Individualismus, Erlebnisorientierung, Machbarkeitsvorstellungen, positive Aufbrüche) bis zur Bedeutung der Eucharistie und mystagogischen Hinweisen für heutige Gemeinden erstreckt. Er zitiert Papst Johannes Paul II.: „In den liturgischen Feiern müssen wir Jesus wieder in den Mittelpunkt stellen“ und schließt: „Nicht das Ritual ist das Entscheidende, sondern, dass in unserem rituellen Tun Jesus selbst am Werk ist.“
II. Biblische und systematische perspektiven Professor Dr. Thomas Söding, Wuppertal, stellt in gekonnter Professionalität mit seinem Beitrag „‚Wenn ihr zum Mahl zusammenkommt, . . .‘ (1 Kor 11,33). Zeit und Raum der Eucharistie im Neuen Testament“ unser Gesamtthema mit facettenreichen Einzelperspektiven hinein in eine beachtenswerte biblische Theologie der Eucharistie, die zum Weiterdenken einlädt. Der Prämonstratenser-Chorherr (Geras) und Wiener Philosophie-emeritus DDr. Augustinus Karl Wucherer-Huldenfeld steuert unter dem Augustinuswort „Empfangt, was ihr seid, und seid, was ihr empfangt! Zur Aktualität des Eucharistieverständnisses des hl. Augustinus“ einen wichtigen patristischen Gedanken bei: Gemeinde und Christen werden selbst zum Leib Christi, den sie empfangen. Er kann damit einerseits auch die bekannte Augustinusregel (der sich die Prämonstratenser-Chorherren unterwerfen) eucharistisch ‚von innen‘ her interpretieren, zugleich eine Menge in der Tat gerechtfertigter liturgiepraktischer Kritiken theologisch untermauern, und natürlich auch interessante Querlinien zur Eucharistietheologie Joseph Ratzingers ziehen. Es folgt der sehr grundsätzliche Beitrag des Innsbrucker Dogmatikers Univ. Prof. Dr. Lothar Lies SJ unter dem Titel: „ Bedeutung und Konsequenzen der eulogischen Sinngestalt der Eucharistie“. Lies bietet seine Sicht aus dogmatisch-systematischer Perspektive an. Bedeutsam erscheinen hier insgesamt die alt-neuen Fragen nach dem Opfer- bzw. Mahlcharakter der Messe und den Messopfer-Theorien, vor allem ragt seine Unterscheidung von dogmatischer Sinngestalt – liturgischer Sinngestalt – liturgischer Feiergestalt der Eucharistie heraus. Interessant, dass auch Lies sich (neben Casel, Guardini, Parsch, Betz, Meyer) ausführlich mit der Eucharistielehre von Prof. Joseph Ratzinger auseinandersetzt. Den Grundzugang zur Eucharistie findet er in der ‚Eulogie als dogmatisch-eucharistische Sinngestalt‘, wobei hier die Dogmatik der Liturgik diese Antwort vorzugeben scheint. Interessant die Rückführung des eigentlich liturgischen Themas auf die ‚eulogische Sinngestalt der Kirche‘ insgesamt, ja zu guter Letzt auch, dass Eulogie die ‚umfassende theologische Sinnstruktur‘ schlechthin bedeutet: „Eulogie ist eine Grundkategorie des Theologischen“ – schließt der Autor. Ass. Prof. Dr. Peter Ebenbauer, Fundamentaltheologe und Liturgiewissenschaftler in Graz, legt eine „Kleine mystagogische Reflexion über den Opfer- und Mahlcharakter der Eucharistiefeier“ vor. Der Titel bezeichnet genau den Inhalt. Auch hier – aber mit anderen Kategorien beschrieben – erfolgt eine fruchtbare Auseinandersetzung der Begrifflichkeit (besser Bedeutung) von Opfer und Mahl der Eucharistie und deren notwendige innere Verschränkung. Der Beitrag besticht durch spirituelle, zugleich diakonische und durchaus auch soziale Argumentation, Sprache und Perspektive. „Logosgemäße Liturgie. Zur theologischen Grundlegung des christlichen Gottesdienstes nach Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI.“ lautet die Analyse von Professor Dr. Michael Schneider SJ, Frankfurt – St. Georgen. Der in jeder Hinsicht anspruchsvolle Entwurf der Liturgie- und Eucharistietheologie des gegenwärtigen Papstes ist mehr als hilfreich und kann gerade gegenwärtig klärend wirken.
III. Ökumenische Perspektiven Univ. Prof. Dr. Rudolf Prokschi Ordinarius für Ostkirchenkunde in Wien, schenkt uns mit seinen Zeilen „Zum Eucharistieverständnis in orthodoxer Tradition“ ein eindrückliches und auch auf persönlicher Erfahrung aufbauendes Exposé, das Bekanntes und weniger Bekanntes im Liturgieverständnis der Orthodoxie für die abendländische Liturgie aufschließt und fruchtbar macht. Er konfrontiert den Leser mit der aktuellen orthodoxen Theologie und ihren wichtigeren Proponenten, sowie mit den Dimensionen der östlichen liturgischen Spiritualität: Eucharistie als Zusammenfassung und Feier der gesamten Heilsökonomie; die Liturgie als von der Ortskirche „konzelebrierte“ Feier: ohne Laien keine Liturgie; die eucharistische Konzeption der Ekklesiologie; die eschatologische Dimension und die kosmische Dimension der Liturgie (in Brot und Wein wir die ganze Welt verklärt); die deutliche Betonung des Wirkens des Heiligen Geistes; die Osterfreude als Grunddimension eucharistischer Spiritualität überhaupt; die Verschränkung von Liturgie und Mystik. Daran schließt der Beitrag „Kennt die orthodoxe Eucharistie eine Messopfertheorie?“ unmittelbar an: der libanesische Theologe Assaad E. Kattan aus Beirut analysiert hier gelehrt und präzise das ökumenische Gespräch vor allem zwischen Orthodoxen und Protestanten bezüglich der Messopferfrage. Ein auf den ersten Blick ungewohnter Diskurs, aus dem jedoch auch und gerade für die katholische Eucharistietheologie viel abzulesen ist. In gewisser Weise bringt er – unbeabsichtigt – den ganzen Fragekomplex aus den vorangehenden Beiträgen, ob und inwieweit die Messe ein „Opfer“ sei, auf kurzem Raum auf den Punkt und eröffnet Perspektiven von beachtenswerter Tragweite. Das Gespräch mit den Protestanten ist indirekt auch eine Brücke zum nächsten Beitrag, der aus der Feder von Univ. Prof. Mag. Werner Horn, Superintendent AB i. R., Wien, kommt: „Eucharistische Frömmigkeit in den Abendmahlsliedern des Evangelischen Gesangbuches“. Der aus dem ökumenischen Gespräch in Österreich nicht wegzudenkende Autor zeigt mit gleichzeitig theologischer wie liturgisch-musikalischer Sensibilität die Entwicklung im Abendmahlsverständnis der evangelischen Kirchen seit der Reformation bis in die Gegenwart anhand wichtiger Liedtexte auf. Wesentlich erscheint die Feststellung, dass es auch im evangelischen Bereich zu deutlichen Verschiebungen in der Abendmahlstheologie und -frömmigkeit gekommen ist, was er am Ende in einer gelungenen Zusammenfassung nochmals gebündelt darstellt.
IV. Pastoralliturgische und liturgiepastorale Perspektiven Das Schwergewicht dieses Heftes liegt in den liturgiesystematischen Perspektiven. Dieser letzte Teil fällt daher entsprechend kürzer aus: Hubert Lenz, Dechant und Pfarrer von Nenzing, konfrontiert uns nun mit der konkreten und pastoralen Situation der Menschen unserer Gemeinden: „Die Eucharistie und der Mensch von heute – Überlegungen in pastoral-liturgischer und liturgie-pastoraler Absicht“. Ausgehend vom Referat am Studientag 2005 auf der Konferenz der Liturgiereferenten der österreichischen Diözesen in Salzburg, an dem intensiv darüber gehandelt wurde, was denn konkret dafür zu tun sei, dass die Feier der Eucharistie tatsächlich der angestrebte Höhepunkt und die Quelle des Lebens der Christen werden kann, legt Hubert Lenz – in Übereinstimmung mit den Aussagen der Liturgiekonstitution des Konzils und den erneuerten liturgischen Büchern – konkrete Anregungen für Verständnis, Feiergestalt und Gestaltungselementen der Eucharistie in den Gemeinden vor. Damit ist indirekt auch ein Bogen zum Beitrag von Winfried Haunerland am Beginn unseres Doppelheftes gespannt. Univ. Prof. Dr. Rudolf Pacik, Dekan der Kath.-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg und Mitglied der Redaktion unserer Zeitschrift „Heiliger Dienst“, behandelt – wie immer wissenschaftlich unanfechtbar – die ganz konkrete und wichtige Frage des sachgerechten Vollzugs der Kommunion: „Wer darf wann die Kommunion unter beiden Gestalten empfangen? Die römischen Regelungen vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis heute“. Der Blick in die Geschichte und die Entwicklung während und nach dem II. Vaticanum bis hin zur IGMR 2002 der 3. Editio typica des Römischen Messbuchs zeigt eine Bewegung von der Verengung hin zur langsam einsetzenden Normalität – freilich mit immer noch gegebenen Defiziten. Die allgemein gewährte Kommunion unter beiden Gestalten war und ist ein immer noch brennendes Grundanliegen liturgischer Erneuerung; klug fügt Pacik noch hinzu: die Kelchkommunion sollte die Regel sein, die Kommunion unter einer Gestalt die Ausnahme bei einer allzu großen Gottesdienstgemeinde.
Wie immer schließt das Heft mit der ständigen Rubrik: Berichte und Notizen aus Liturgie und Liturgiewissenschaft – dieses Mal aufgrund des Heftumfangs mit nur einem ausführlicheren Bericht aus einem Land hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang: „Liturgiewissenschaft als Universitätsdisziplin in Tschechien“ von František Kunetka, Olmütz, sowie mit zwei themenbezogenen Buchbesprechungen, die wir empfehlen. Wie das Geheimnis der Eucharistie letztlich unauslotbar bleibt, folglich auch ihre Vollzugsweise in der Geschichte in Ost und West entsprechend mannigfaltig ausgestaltet war und ist, damit insgesamt die kirchliche Tradition ihrer Feier, so bleibt es ein nur ansatzweise mögliches Wagnis, Eucharistie in einem einzigen (Doppel-)Heft dieser Zeitschrift zu verhandeln. Wenn wir es trotzdem gewagt haben, so mit dem Ziel einer größeren Nachdenklichkeit über die zentrale Feier des christlichen Glaubens: gelingt dies, ist schon viel erreicht. ![]() ![]() |