Wort zu diesem Heft
Vor
wenigen Monaten sind zwei weithin bekannte Lehrende aus dem Jesuitenorden gestorben:
P. Joseph Gelineau SJ (†
8.8.2008) und P. Lothar Lies SJ (†
29.5.2008). Sowohl Gelineau, der v. a. als Kirchenmusiker bekannt wurde, als
auch Lies, der sich besonders mit ökumenischer Theologie und Eucharistietheologie
befasste, lieferten wichtige Impulse für die Liturgiewissenschaft. Rudolf
Pacik, Professor für Liturgiewissenschaft und Dekan an der Kath.-Theol.
Fakultät der Universität Salzburg sowie Vorsitzender von Universa Laus Deutsche
Sprachgruppe e. V., stellt Leben und Werk von Joseph Gelineau vor. In seinen
Ausführungen wird deutlich, dass Gelineau nicht nur ein begnadeter Kirchenmusiker,
sondern auch ein (liturgie-)theologisch profunder Denker war. Einen sehr
persönlichen Nachruf auf Lothar Lies hält Józef Niewiadomski, Professor für
systematische Theologie und Dekan der Kath.-Theol. Fakultät der Universität
Innsbruck. Niewiadomski hebt darin Lies’ persönliche Liebenswürdigkeit und sein
theologisches Denken – das um die Sinnstruktur des Segnens (Anamnese, Epiklese,
Koinonia, Prosphora) kreiste – besonders hervor.
Das
Paschamysterium wurde bekanntlich vom Zweiten Vatikanischen Konzil als Kern jeden
liturgischen Feierns „wiederentdeckt“. Es ist allerdings nicht zuletzt auch das
Verdienst der modernen Bibelwissenschaften, wenn sie darauf hinweisen, dass
sich das Paschamysterium nicht in der Feier von Leiden, Tod und Auferstehung
Jesu erschöpft; denn die Kurzformel „Paschamysterium“ zielt auf die
Selbstmitteilung Gottes in der gesamten Heilsgeschichte. Deshalb, so führt
Georg Braulik OSB, ehemals Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an
der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien aus, sind die Psalmen der Stundenliturgie
auf dem Hintergrund eines umfassenden Paschamysteriums her zu interpretieren.
Anhand der Auswahl und Anordnung der Psalmen im Wochenpsalter des
„Benediktinischen Antiphonale“ zeigt Braulik die Hermeneutik dieses „dramaturgischen
Prozesses“ auf, in dem sich der Sinn eines Textes für den Rezipienten letztlich
erst in einem dialogischen Geschehen zwischen Text und (literarischem wie
geschichtlich-persönlichem) Kontext erschließt.
Das
Verständnis des Paschamysteriums kann nicht nur heilsgeschichtlich auf das neutestamtentlich
bezeugte Heilshandeln Gottes enggeführt werden. Auch die im Laufe der
Jahrhunderte entfaltete Feier des jährlich begangenen Paschamysteriums kann in historisierender
Weise verkürzt werden. Ein Blick auf die liturgischen Texte und auf das ihnen
zu Grunde liegende Verständnis liturgischen Gedenkens kann vor einer bloß
historisierenden Nachfeier von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu bewahren. Michaela
Puzicha OSB, Leiterin des Instituts für Benediktinische Studien in Salzburg, legt
am Beispiel des Introitus der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag –
„Wir aber rühmen uns …“ – dar, dass für die Liturgie feiernde Gemeinde jeder
Festinhalt von Ostern her sein deutendes Licht erhält, die Feier der Kartage
also nicht bloß in ihrem zeitlichen Nacheinander ihren tieferen Sinn beziehen.
Die Bezugnahme auf die Gegenwart des auferstandenen Herrn ermöglicht der
Gemeinde überdies auch als ‚liturgische Exegese‘ jene Freiheit, den im Introitus übernommenen Paulustext aus dem
Galaterbrief ins scheinbare Gegenteil zu verkehren.
Das
Zweite Vatikanische Konzil hat – wie gesagt – manches, was im Laufe der Geschichte
verschüttet war, wieder neu „entdeckt“, man denke z. B. nur an die zentrale
Bedeutung der „participatio actuosa“ aller Gläubigen am gottesdienstlichen
Geschehen. Für andere „Entdeckungen“ war es auf dem Konzil offenbar noch zu
früh, insofern dafür – anders als bei der Frage der aktiven Teilnahme der
Gläubigen – weder ein entsprechendes öffentliches Bewusstsein bestand, noch
ausreichende theologische Vorarbeiten vorhanden waren: Damit ist zunächst die
Rolle der Frau in der Kirche, insbesondere in der Liturgie, angesprochen, im
weiteren Sinne aber auch die Frage, warum die Kategorie des Geschlechts ganz
allgemein in liturgischen Fragen weitgehend ausgeblendet wurde (und vielfach
noch wird) und vielleicht deshalb die liturgische Praxis oft nur die gesellschaftliche
Realität widerspiegelt. Interessante – und für manche vielleicht ungewohnte –
Einsichten vermittelt aus der Sicht der Gender-Forschung der Beitrag von Teresa
Berger, Professorin für Liturgiewissenschaft an der Yale University in den USA.
Sie unternimmt darin den Versuch, neue Zugänge für eine geschlechtergerechte
liturgische Praxis und Forschung aufzuzeigen.
Die
Hinwendung des Konzils zur „actuosa participatio“ kommt – theologisch gesehen –
einer „kopernikanischen Wende“ im Liturgieverständnis gleich – Nicht nur, was gefeiert wird, ist
wichtig, sondern auch wer feiert. Die
Berücksichtigung der konkret-geschichtlichen Existenz der versammelten
Menschen ist daher ebenso wichtig wie der sachgemäße Vollzug des vorgegebenen
Ritus. Es gibt natürlich pastorale Bereiche, in denen es schon immer naheliegend
war (oder naheliegend hätte sein müssen), den konkreten Menschen – oder
wenigstens die Situation, in der er sich befindet – zu berücksichtigen, z. B.
in der Krankenseelsorge. Stefan Böntert, Habilitand in Liturgiewissenschaft an
der Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, zeichnet in seinem Beitrag
die Vielgestaltigkeit des liturgischen Heilsdienstes in der Krankenseelsorge
nach. Bei allen unterschiedlichen Akzentsetzungen geht es letztlich auch hier
um die Aktualisierung des Paschamysteriums im Angesicht von Krankheit und
existentieller Not. Für eine überzeugende Aktualisierung ist es jedenfalls
ratsam, wenn sich diakonale Begleitung von Kranken und – auf die jeweilige
Situation angepasste – liturgische Feiern wechselseitig ergänzen und befruchten.
Die
Feier des Paschamysteriums steht auch im Zentrum des Weihnachtsfestes, was bei
all dem Weihnachtsidyll und süßem Gefühl, das mit dem ‚Zauber‘ der Heiligen Nacht verbunden sein mag, leicht verdrängt wird.
Franz-Rudolf Weinert, Dompfarrer in Mainz, stellt auf mystagogische Weise
bekannte Advents- und Weihnachtsbräuche vor und deutet sie als Symbole der
Hoffnung auf den Erlöser der gesamten Schöpfung.
Die Schriftleitung