Die evangelischen Kirchen haben im Verhältnis zum Judentum seit den 1990er Jahren einen grundlegenden Paradigmenwechsel vollzogen. Offizielle kirchliche Erklärungen in Österreich betonen heute die bleibende Erwählung Israels, verurteilen Antisemitismus und lehnen Mission an Jüdinnen und Juden ab. Trotz dieser Fortschritte zeigen Studien, dass antijüdische Denkmuster in Unterricht und Gemeindeleben weiterhin verbreitet sind. Der Artikel plädiert für einen erweiterten, literarisch‑hermeneutischen Zugang zur Bibel, der Mehrstimmigkeit zulässt und eine reflektierte christliche Selbstverortung fördert – ohne Enteigung jüdischer Traditionen. Liturgie, Predigtsprache und Übersetzungen sollten im Sinne eines sensiblen Dialogs überprüft werden, damit der christlich‑jüdische Dialog als fortdauernder Reformprozess der Kirche wirksam bleibt.
Dr. Susanne Lechner-Masser MA
ist evangelische Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte an der Universität Salzburg.