Die Osternachtliturgie erwähnt „Israel“ auffallend häufig. Damit bestimmt die Kirche in dieser zentralen Feier ihr Selbstverständnis. Das Exsultet beschreibt Israel als „unsere Väter“ und verortet die Christinnen und Christen in der Geschichte der Erwählung. Die Lesungen von Schöpfung, Befreiung und Verheißung zeigen: Gottes Handeln an Israel ist und bleibt Ursprung jeder Erlösung. Insbesondere die Psalmen ermöglichen Rollenidentifikation mit Israel und mit Christus, indem die Gemeinde „geliehene Worte“ Israels spricht und im Kontext der Liturgie christologisch deutet. Die Liturgie entfaltet so ein inklusives Gedächtnis, in dem Christus die Geschichte Israels für alle Völker öffnet.
Prof. Dr. Egbert Ballhorn
lehrt Exegese und Theologie des Alten Testaments an der TU Dortmund und ist Vorstandsvorsitzender des Kath. Bibelwerks e. V.
Harald Buchinger
Ostern zwischen Popule meus und Israelitica dignitas
Ausgehend von sechs grundlegenden Thesen untersucht der Beitrag anhand exemplarischer Texte der Osterliturgie des römischen Ritus, wie die Kirche als Volk Gottes im Angesicht Israels zur Sprache kommt. Dabei zeigt sich, dass die vornehme Zurückhaltung der verwendeten Typologien eine inklusive Identifikation ermöglicht, in der die christliche Deutung das Judentum nicht abwertet oder enteignet.
Prof. Dr. Harald Buchinger
ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Fakultät für Katholische Theologie und Director des Centre for Advanced Studies „Beyond Canon_“ der Universität Regensburg sowie Direktor des Institutum Liturgicum Ratisbonense.
Andrea Taschl-Erber
Teilhabe am Erbe Israels und Dialog
Respons aus bibelwissenschaftlicher Perspektive zu
Alexander Deeg
Der Beitrag reagiert aus neutestamentlich-bibelwissenschaftlicher Perspektive auf Alexander Deegs Überlegungen zur liturgischen Haltung und Hermeneutik im Verhältnis der bleibenden Erwählung Israels und des christlichen Gottesdienstes. Er rekurriert auf zentrale biblische Texte zur Teilhabe der Völker am Erbe Israels und skizziert die komplexen Prozesse der Identitätsbildung zwischen Judentum und Christentum. Dabei wird dem Bild verschlungener Traditionsströme der Vorzug gegenüber dem linearen Modell des „Parting of the Ways“ gegeben. Ein Schwerpunkt liegt auf der intertextuellen Hermeneutik: Werden die neutestamentlichen Schriften als jüdische Texte gelesen, erweitert sich ihr Sinnpotenzial. Abschließend werden Impulsfragen für eine liturgische Praxis formuliert, die die Israelkontur wahrt, antijüdische Muster vermeidet und den Dialog zwischen jüdischen und christlichen Traditionen fördert.
Univ.-Prof.in Dr.in Andrea Taschl-Erber
ist Professorin für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholischen PrivatUniversität Linz.
Alexander Deeg
Dialog mit dem Judentum: kirchliche, liturgische und spirituelle Auswirkungen
Die Frage nach einer Feier christlicher Gottesdienste in Israels Gegenwart ist eine Grundfrage für jede christliche Liturgie und bietet reiches Potenzial für liturgische Entdeckungen. Der Beitrag fragt nach einer liturgischen Haltung, die christlichen Gottesdienst als ein Einstimmen in das Lob des Gottes Israels versteht. Am Beispiel der Psalmen, der Verwendung des Begriffs „Volk“ (Gottes), der Lesungen aus dem Alten / Ersten Testament, des Abendmahls und des Segens zeigt der Beitrag an einzelnen Aspekten der Liturgie, was diese Haltung konkret bedeutet. Gerahmt werden die Überlegungen durch einen Hinweis auf die biblische Kontur der vor genau 500 Jahren vorgelegten „Deutschen Messe“ Martin Luthers und auf den in der Offenbarung des Johannes geschilderten himmlischen Gottesdienst, bei dem die Ältesten Israels und die Repräsentanten der Kirche im Gotteslob vereint erscheinen.
Prof. Dr. Alexander Deeg
lehrt Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Er ist Vorsitzender des Liturgischen Ausschusses der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland und leitet das Liturgiewissenschaftliche Institut der VELKD. Er ist derzeit Vorsitzender des Vereins „Studium in Israel e. V.“.
Susanne Lechner-Masser
Dialog mit dem Judentum: kirchliche, liturgische und spirituelle Auswirkungen
Die evangelischen Kirchen haben im Verhältnis zum Judentum seit den 1990er Jahren einen grundlegenden Paradigmenwechsel vollzogen. Offizielle kirchliche Erklärungen in Österreich betonen heute die bleibende Erwählung Israels, verurteilen Antisemitismus und lehnen Mission an Jüdinnen und Juden ab. Trotz dieser Fortschritte zeigen Studien, dass antijüdische Denkmuster in Unterricht und Gemeindeleben weiterhin verbreitet sind. Der Artikel plädiert für einen erweiterten, literarisch‑hermeneutischen Zugang zur Bibel, der Mehrstimmigkeit zulässt und eine reflektierte christliche Selbstverortung fördert – ohne Enteigung jüdischer Traditionen. Liturgie, Predigtsprache und Übersetzungen sollten im Sinne eines sensiblen Dialogs überprüft werden, damit der christlich‑jüdische Dialog als fortdauernder Reformprozess der Kirche wirksam bleibt.
Dr. Susanne Lechner-Masser MA
ist evangelische Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte an der Universität Salzburg.
Christian M. Rutishauser
Dialog mit dem Judentum
Kirchliche, liturgische und spirituelle Auswirkungen
Die Ausdifferenzierung von Judentum und Christentum in der Spätantike war ein längerer historischer Prozess. Heute anerkennt die Kirche die bleibende, positive Bedeutung Israel in der Heilsgeschichte, so dass ekklesiologisch von einem doppelten Volk Gottes gesprochen werden kann. Das heilsgeschichtliche Erinnern in den Gebeten der Liturgie ist daher entsprechend anzupassen und das Alte Testament in der Leseordnung in seinem Eigenwert wie auch in der jüdischen Auslegung zu stärken. Das persönliche Beten und der spirituelle Vollzug kann sich zudem von rabbinischer Frömmigkeit inspirieren lassen.
Prof. Dr. Christian M. Rutishauser SJ
ist Professor für Judaistik und Theologie und Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern.
Stefan Gugerel
Davids Neuschöpfung als tägliches Taufgedächtnis
Psalm 51 in und außerhalb der Liturgie des Osterfestkreises
Ausgehend von der Einordnung von Ps 51 in den Psalter, in den Kontext der Davidserzählungen und der liturgischen Verwendung erläutert der Beitrag seine Bedeutung im Osterfestkreis, als „Freitagsmarker“ und als tägliche Eröffnung der Stundenliturgie.
MMag. Stefan Gugerel
war Assistent für Liturgiewissenschaft an der Katho- lischen Privatuniversität Linz. Seit 2015 ist er Militärpfar-rer der Katholischen Militärseelsorge in Enns / Wiener Neustadt.